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Ching, chang, chong






Veröffentlicht im Magazin der AMD Berlin.

Corona-Virus, Covid-19 oder doch China-Virus? Steigende Infektionszahlen — das hieß auch gleichzeitig steigender Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Personen. Eigentlich ist das nichts Neues, jedoch hat die Pandemie Menschen einen Grund gegeben, deren Rassismus frei auszuleben. Schon im Kindergarten habe ich gemerkt, dass ich anders aussehe, andere Augen habe und andere Sachen esse. Statt Nudeln hatte ich Reis dabei, statt einem Pausenbrot gab es Dumplings. Ich habe es früher gehasst, dass mein Essen anders roch, und ich habe es gehasst, dass meine Haare schwarz sind. Meine Mitmenschen haben dieses Gefühl nur verstärkt. Und so führte dies dazu, dass ich in meinen Teenager-Jahren eine Identität formte, aber eigentlich gar keine besaß.



Meine Eltern besitzen ein kleines chinesisches Restaurant in dem Ort, in dem ich geboren bin. Nach der Schule habe ich dort Halt gemacht und Mittag gegessen; wenn Freund*innen zu Besuch waren, haben wir einen Großteil unserer Zeit in dem Restaurant verbracht. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, gibt mir dieser Ort ein wohliges Heimatgefühl, obwohl ich mich dort oft nicht willkommen gefühlt habe. Schon damals haben wir viele Telefonstreiche miterleben müssen, oftmals waren es nur Kinder, die sich wahrscheinlich einen Spaß erlaubten. Seit dem Ausbruch der Pandemie häufen sich die Fake-Calls und Kinder sind es auch nicht mehr, die anrufen. Meistens heben meine Eltern das Telefon ab, aber die Stimmen am anderen Ende der Leitung sind so laut, dass ich sie auch höre. „Scheiß Chinesen“, „Habt ihr Corona?“, und „Euer Restaurant ist verseucht“ sind Sätze, die geläufig sind. Ich schaue dann meine Eltern an, deren Blick ist verwirrt, vielleicht auch verletzt, doch am meisten sind sie genervt. Langsam verstehe ich sie auch. Als ich kleiner war, machte mich jede Bemerkung bezüglich meines Aussehens und meiner Herkunft traurig. Doch heute habe ich es einfach satt. Ich habe es satt, meine Existenz ständig rechtfertigen zu müssen. Nach jahrelangem Verstecken meiner Identität hat sich während des Erwachsenwerdens auch ein Gefühl von Stolz gebildet.

Doch seit letztem Jahr mischt sich in den Stolz auch wieder das Gefühl der Traurigkeit. Laut dem Nachrichtensender CNN  nahm die Gewalt an asiatisch gelesenen Personen in den großen Städten der USA um 164 Prozent zu; in New York City vermehrte sich die Anzahl der Angriffe sogar um 223 Prozent. Dazu muss man anmerken, dass Donald Trump, der damalige Präsident der USA, Covid-19 als „China-Virus” betitelt hat. In den Vereinigten Staaten werden auf offener Straße ältere, schwache Menschen mit meist ostasiatischen Wurzeln attackiert. Nicht zuletzt wurden acht Menschen asiatischer Abstammung im Zuge eines Amoklaufs in Atlanta erschossen. Jedes Mal, wenn ich die Instagram-App öffne, hat sich scheinbar ein neues Attentat ereignet. Die Videos erschrecken mich, machen mich wütend und gleichzeitig müssen mir die Tränen kommen. Es sind Angriffe auf mich, meine Kultur, meine Großeltern und die Großeltern vieler anderer Migrant*innen der zweiten Generation. Selbst in Deutschland habe ich seit dem Corona-Virus einen anderen Umgang mit mir und meiner Familie bemerkt. Zwar wurden wir nie Opfer eines körperlichen Angriffes, doch Menschen im öffentlichen Raum treten einem mit mehr Skepsis gegenüber. Aus harmlosen „Ni hao“-Zurufen wurden es Bemerkungen wie „Abstand halten von den Chinesen“ — und das obwohl meine Familie und ich uns nicht einmal als Chines*innen identifizieren, denn meine Eltern sind jeweils in Malaysia und Vietnam aufgewachsen.

Warum wird aber erst jetzt mehr Aufmerksamkeit auf Rassismus gegen asiatisch gelesene Personen gelenkt? Schon lange galten Menschen dieser Gruppierung als Model Minority, wortwörtlich übersetzt „die vorbildliche Minderheit”. Mir wurden mein ganzes Leben lang schon Komplimente gemacht, die eigentlich keine Komplimente sind, sondern Ausdruck von kulturellen und ethnischen Vorurteilen. Ein Lehrer sagte einmal zu mir, dass er meine Art möge, weil sie so ruhig sei wie bei vielen anderen Asiat*innen. Am häufigsten musste ich mir aber in der Schulzeit anhören, dass ich gut in Mathe sei, genau weil ich eine Asiatin bin. Es sind Aussagen, die Menschen oft als positiv sehen, jedoch ist es falsch, eine Eigenschaft eines Individuums an dessen Nationalität oder Ethnizität festzumachen. Ich fühle mich zugleich so, als müsse ich Erwartungen und Klischees gerecht werden, aber in mir entstehen auch Frust und Ärger, weil ich doch eine eigene Person bin.

Während meines Erwachsenwerdens habe ich versucht, meine Herkunft so weit wie möglich von mir abzustoßen. Meine Muttersprache, in der ich mich immer zu Hause mit meinen Eltern unterhalten habe, war mir auf einmal peinlich. Kein Reis und keine Dumplings sollten noch als Mittagessen eingepackt werden. Ich habe mich selbst über die asiatische Kultur lustig gemacht, weil ich zu den beliebten Leuten gehören wollte — ich wollte zeigen, dass ich anders bin, viel cooler als die anderen Asiat*innen.

Als Kind habe ich mir selbst geschworen, zahlreiche Schönheitsoperationen durchzuführen, damit ich nicht mehr wie eine Ostasiatin aussehe. Kinder haben sich umgedreht und ihre Augen verzogen, es wurde ständig mit dem Finger auf mich gezeigt, dann ein kurzes Getuschel gefolgt von Gelächter. Ich habe mich ausgeschlossen gefühlt, wollte auch Teil der eurozentrischen Schönheitsideale werden. Kein Wunder, dass die Double-Eye-Lid-Surgery (die Operation, in der eine Falte ins Augenlid geschnitten wird, damit das Auge größer erscheint) die beliebteste in Südkorea ist. Doch bei mir gingen meine Vorstellungen noch weiter. Ich habe davon geträumt, eine andere Augenfarbe zu haben, meine Haare permanent blond zu färben und ich wollte auch meinen Namen ändern lassen, sobald ich 18 Jahre alt werde. Es hat auch nicht geholfen, dass sich mein Nachname auf Po reimt. Angelina Si-Wai Mo – nichts würde ich heute mehr an dem Namen ändern. Er ist Teil meiner Identität geworden; ich trage ihn mit Stolz. Auch wenn die letzten zwei Buchstaben mit viel Scham und Schmerz gefüllt sind, bin das einfach ich. Der Name verbindet mich mit meinen Eltern und meiner Familie, die so hart gearbeitet haben, um mir ein gutes Leben zu ermöglichen.

Seitdem ich nun älter und erwachsen bin, begegnet mir auf einmal ein Widerspruch bezüglich meines Aussehens und meiner Herkunft. Entweder hassen Menschen es, wie ich aussehe, oder ich bin eine sexuelle Fantasie für die anderen. Zahlreiche Dates haben mich schon mit Anime-Figuren verglichen oder finden es so aufregend, endlich eine asiatische Frau auszuführen. Auf einmal bin ich süß, genau weil meine Haare schwarz sind und meine Augen anders aussehen. Auch wenn ich mich jetzt schon wohl in meiner Identität fühle und meine Kultur offen ausleben kann, lassen mich solche Kommentare unwohl und verunsichert zurück. Ich bin für diese Personen nicht mehr ich, Angelina Si-Wai Mo, ich bin einfach eine asiatische Frau, auf die sie ihre Vorstellungen projizieren.

Langsam habe ich genug und damit stehe ich auch nicht alleine da. Noch nie hat sich eine Generation so aktiv für Minderheiten eingesetzt wie unsere. Vor allem im Netz finden heute schneller Stimmen ihr Gehör, die BBC betitelt den Online-Aktivismus auch als „Clicktism“. Dazu hat Twitter schon im Jahr 2018 Accounts von engagierten Studierenden verifiziert, damit diesen mehr Reichweite geboten werden kann. Auch die Black-Lives-Matter-Proteste verbreiteten sich schnell im Internet und führten zu weltweiter Solidarität. Mehrere Instagram-Seiten geben Minderheiten eine Plattform, während andere sich dort informieren können. Besonders durch die Anti-Asian-Hate-Crimes verspürte ich eine Art von Gemeinschaftsgefühl im Internet — alleine in meiner Wohnung in Berlin, fernab von meiner Familie in Malaysia und Vietnam.



Ich sitze also in meiner eigenen Wohnung, zum Abendessen gibt es Dumplings, denn ich habe mir nun endlich beigebracht, wie man sie selbst macht. An der Wand hängen die selbstgemalten Bambus-Bilder meiner Mutter, neben mir steht eine alte Vase mit Bemalungen, die aussehen als wären sie aus der Han-Dynastie. Natürlich ist die Vase nicht 2000 Jahre alt, ich habe sie mitgenommen, als wir den Keller unseres Restaurants ausgemistet haben. Weggeworfen haben sie meine Eltern zum Glück nicht. Ich habe sie gereinigt, mit Blumen gefüllt und präsentiere sie jetzt jede*m stolz, der*die bei mir zu Besuch ist — genau wie ich das mit meiner Identität tue.